Sechs Monate Teamleitung an den Weiterführenden Schulen – Ein Interview

Web-Reporter: „Ihr habt nun sechs Monate Schulleitung in eurem Dreierteam hinter euch. Wie geht es euch bisher damit?“

Antje Nothnagel: „Als wir als Team die Verantwortung für die Leitung der Wsn [Weiterführende Schulen ... Red.] im April des Jahres übernommen haben, war die Situation von großer Unsicherheit und Unklarheit für Schüler, Eltern und vor allem auch für das Kollegium unserer PädagogInnen geprägt. Nach der längeren Phase einer Interimslösung, gleichzeitiger Suche nach Kandidaten außerhalb des Schulzentrums, der vorübergehenden Besetzung der Stelle und nachfolgenden Trennung von einem Kandidaten innerhalb der Probezeit, drohte eine Fortführung dieser für alle sehr unbefriedigenden Situation auf unbestimmte Zeit. Zeit, die wir eigentlich nicht mehr hatten.“


Friedhelm Märsch: „Der Druck durch den Termin zur Einreichung des Antrags auf Anerkennung des Gymnasiums im laufenden Jahr wurde immer größer. Auch standen wieder die Prüfungen zum Realschulabschluss und die BLF [Besondere Leistungsfeststellung in der 10. Klasse … Red.] des  Gymnasiums ins Haus. Uns wurde spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, dass wir nun kurzfristig eine tragfähige, aber auch beständige, zukunftsfähige Lösung brauchten.“

Jana Mäding: „Ja, es ging um zu diesem Zeitpunkt vor allem um die Handlungs- und Entscheidungs­fähigkeit in der Führung der Weiterführenden Schulen am ESM [Evangelischen Schulzentrum Muldental … Red.]. Für uns drei war es naheliegend, in dieser Situation Verantwortung zu übernehmen. Wir hatten von Anfang an das gegenseitige Zutrauen diese Aufgabe zusammen meistern zu können. Ich hatte schon die Erfahrung als Teil der Interimslösung und Antje Nothnagel war bereits als Stellvertreterin gesetzt, und Friedhelm Märsch hatte sich bereits im ersten Auswahlverfahren für die Schulleiterstelle beworben und darüber hinaus schon einige Jahre Erfahrung als Geschäftsführer eines Unternehmens mit vielen MitarbeiterInnen. Alle drei sind wir schon einige Jahre am Schulzentrum und kennen den Betrieb daher genau.“

Friedhelm Märsch: „Ich glaube, dass dieser ganze Prozess vor allem bei den Entscheidern in Vorstand und Geschäftsführung, aber auch im Kollegium einen Perspektivwechsel notwendig gemacht hat und vielleicht immer noch macht. Unser Eindruck aber ist, als diese Teamlösung erst einmal gedacht war und dann auch personell möglich wurde, hat sich vieles, was zuvor als sehr schwierig erschien, zum Einfachen hin gefügt. Diese Lösung hat ja auch den Charme, dass scheinbar Gegensätzliches sich wunderbar zusammenfindet: Ost und West, Alt und Jung, Frau und Mann.“

Antje Nothnagel: „Genau, da ist doch für jeden etwas dabei, jeder sollte doch in dieser Konstellation eine AnsprechpartnerIn für seine Belange finden. Und nicht zuletzt bietet die Lösung ja auch eine hohe Beständigkeit bei einem möglichen Ausfall oder Ausscheiden eines der Beteiligten. Interessant für uns war auch, dass gerade in der Schülerschaft der Zuspruch zu dieser Lösung von Beginn an sehr groß war.“

Web-Reporter: „Wie gestaltete sich denn der Einstieg in diese neue Aufgabe für euch?“

Jana Mäding: „Man könnte sagen, ohne Verzug und unspektakulär. Es gab eigentlich keine Eingewöhnungszeit, am Tag nach der Verkündigung in der Teamsitzung des Kollegiums holte uns sofort das Alltagsgeschäft des Schulbetriebs ein, das zuvor entstandene Vakuum füllte sich sehr schnell mit vielfältigen Anforderungen, Anfragen und Entscheidungsnotwendigkeiten. Das hat uns schon ein wenig überrascht.“

Antje Nothnagel: „Ich denke, es war ganz wichtig, dass wir sehr schnell unsere Aufgabenbereiche abgesteckt haben und dass unsere jeweiligen Stärken sehr gut auf diese Aufgabenbereiche verteilt sind. Ich kümmere mich in der Hauptsache um die Einsatz- und Vertretungsplanung. Jana verantwortet den Bereich Oberschule und sorgt für die vielen organisatorischen Basics wie Klassen- und Notenbücher, Teamsitzungen, Praktika u.a. und Friedhelm kümmert sich um das Gymnasium und die SBA [Sächsischen Bildungsagentur… Red.], versorgt die Gremien des Schulzentrums mit Informationen und hat Gesamt-Konzeption und Schulentwicklung im Blick. Die vielen weiteren Aufgaben verteilen wir nach Bedarf und Aufwand.“

Friedhelm Märsch: „Ja, diese Aufgabenverteilung ist eine wahre Gelingensgeschichte. Sie hat für Klarheit gesorgt, wer für was Ansprechpartner ist, und die Reibungsverluste, die durch Teamkommunikation entstehen können, auf ein Minimum begrenzt. Damit kommen m. E. die Vorteile einer Teamlösung voll zur Geltung. Diese liegen vor allem in der deutlich erhöhten Präsenz der Schulleitung für alle anliegenden Entscheidungsprozesse im Alltagsgeschäft der Schule. Die vielfältigen und in Zukunft voraussichtlich weiter zunehmenden Aufgaben eines modernen Schulmanagements verteilen sich im Bereich der Leitung sinnvoll auf mehrere Schultern und werden ergänzt durch die Tätigkeiten der Geschäftsführung des ESM. Dies entspricht unseres Erachtens  einem zeitgemäßen „Unternehmens-“Management.

Web-Reporter: „Wenn ihr nun zurückblickt, was wurde in diesen sechs Monaten auf den Weg gebracht?“

Jana Mäding: „Inzwischen sind die Realschulprüfungen reibungslos durchgeführt und auch die BLF im Gymnasium ist für dieses Jahr abgehakt. Wir haben einen pädagogischen Tag, die Nachbereitungs­klausurtage und die Vorbereitungswoche für das Schuljahr wie ich finde recht ordentlich vorbereitet und durchgeführt. Wir haben auf Schulleitungsebene sehr viele Elterngespräche geführt, Entscheidungen bezüglich der Aufnahme einiger Schnupper-Kinder gefällt. Das war nicht immer leicht.“

Friedhelm Märsch: „Wir haben inzwischen auf über 40 Seiten niedergeschrieben, wie wir uns die Konzeption unseres Gymnasiums vorstellen und haben den Antrag zur Anerkennung des Gymnasiums bereits im Juli einreichen können. In diesem Zusammenhang haben wir auch den Kontakt zur Sächsischen Bildungsagentur intensiviert, was mittel- und langfristig hoffentlich zu neuem gegenseitigem Vertrauen beiträgt.“

Jana Mäding: „Wir arbeiten laufend an einer vernünftigen Reorganisation unserer Teamsitzungen, um die zeitlichen Belastungen des Kollegiums so weit möglich zu begrenzen. Die Notwendigkeiten des schulorganisatorischen Informationsflusses werden auf das absolut Notwendige beschränkt und teilweise durch technische Unterstützung einer technischen Informationsplattform flankiert. Für die Besprechung pädagogischer Themen werden zusätzlich flexibel Gruppen von KollegInnen gebildet, die sich gezielt zusammensetzen und die anderen informieren.“

Friedhelm Märsch: „Für diese Reorganisation war zunächst ein wichtiger Paradigmen-Wechsel notwendig nicht mehr auf den Einsatz und die Verfügbarkeit eigener Schulserver-Technik zu setzen, sondern auf die externen Angebote auf dem Sächsischen Bildungsserver zurück zu greifen. Die bisherigen hauseigenen technischen Lösungen waren wenig verlässlich und enorm störungsanfällig, auch weil eine zeitnahe Wartung und Verfügbarkeit mit eigenen Mitteln nicht gewährleistet werden konnte. Daher war ein erster Schritt zu einer Neuausrichtung die Einführung des Teamwerkzeugs BSCL [Basic Support for Cooperative Learning … Red.] für Leitung und Kollegium. Ein weiterer Schritt wird die Einführung und Nutzung der eLearning-Plattform Moodle sein, die wir in Zukunft vor allem im Gymnasium einsetzen wollen. Beide Systeme werden über den Sächsischen Bildungsserver bereitgestellt und im Rechenzentrum der TU Dresden gepflegt.“

Antje Nothnagel: „Meine größte Anstrengung war es, sich in die komplexen Anforderungen der Einsatzplanung und der Organisation des Stundenplans einzuarbeiten, dies in weiten Teilen eine Operation „am offenen Herzen“ des laufenden Schulbetriebs. Leider haben uns einige Bewerber auf eine Stelle an unserer Schule kurzfristig – teilweise noch nach Vertragsschluss – versetzt, was kaum noch zu kompensieren war. Seit Anfang des Schuljahres setzen wir nun ein neues Planungstool ein, was es zu erlernen und zu beherrschen galt. Aber wir sind auch hier auf einem guten Weg.“

Friedhelm Märsch: „Das scheint mir der mit Abstand undankbarste Schulleitungsjob zu sein, dafür hast du jeden Tag meine Anerkennung und auch mein Mitgefühl.“

Jana Mäding: „Mich freut vor allem die Entwicklung des Inklusionsbereichs der WSn zu einer kleinen Fachabteilung mit inzwischen vier Mitarbeiterinnen. Diese werden sowohl als Fachlehrerinnen als auch als Förderkräfte eingesetzt, eine sehr flexible Aufstellung, die dem Inklusionsgedanken, wie wir ihn am ESM leben wollen, Ausdruck verleiht.“

Web-Reporter: „Und worin seht ihr die Hauptaufgaben für die nähere und weitere Zukunft?“

Antje Nothnagel: „Kurzfristig müssen wir alles daran setzen die personelle Situation zu verbessern. Wir brauchen dringend in einigen Bereichen wie Physik oder Geographie, aber auch in anderen Fachbereichen Lehrerkräfte. Bei allem Bedarf sollten sie aber auch zu uns und unserem Schulkonzept passen. Wir sind jetzt auch dabei uns in diesem Zusammenhang Gedanken zur konkreten personellen und räumlichen Umsetzung der Oberstufe zu machen.“

Jana Mäding: „Dazu helfen auch Kooperationen mit anderen Schulen, an denen wir ebenfalls mit Nachdruck arbeiten. Das gilt vor allem für die Bereiche Personal, technische Ausstattung und Know-how sowie für den Austausch konkreter Erfahrungen des pädagogischen Alltags.“

Friedhelm Märsch: „Wirklich erfolgversprechend scheint mir dafür langfristig der Weg der weiteren Image-Verbesserung unseres Schulzentrums zu sein. Aber auch dieser Weg geht von innen nach außen. Wir müssen durch ein überzeugendes Schulkonzept und damit verbunden mit einem verbindlichen Fortbildungs- und Entwicklungsplan für unsere MitarbeiterInnen langfristig den „Spirit“ entwickeln, den wir zusammen nach außen tragen können. Damit werden wir zu einer attraktiven Adresse für Leute, die anders denken und handeln und eine neue Qualität für das Lernen ihrer Kinder suchen."

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